Timing und Intensität der Hilfen: Die Grundlage für feines Pferdetraining

aktualisiert am April 27, 2026

Timing und Intensität der Hilfen

Vielleicht kennst Du dieses Gefühl: Du gibst eine Hilfe – und es passiert… nichts. Dein Pferd reagiert kaum. Du fragst nochmal, vielleicht ein bisschen deutlicher, vielleicht noch ein drittes Mal – und trotzdem bekommst Du nicht die gewünschte Reaktion von Deinem Pferd.

Oder vielleicht kennst Du genau das Gegenteil: Du gibst eine Hilfe – und Dein Pferd reagiert total übertrieben, wird hektisch oder sogar aggressiv und Du weißt nicht, wie Du damit umgehen sollst.

Diese beiden Situationen wirken auf den ersten Blick komplett unterschiedlich. Aber sehr oft haben sie dieselbe Ursache: Timing und Intensität Deiner Hilfen passen nicht – also wann Du etwas tust, wie stark Du es tust und (ganz entscheidend) wann Du wieder damit aufhörst.

Genau da lohnt es sich, einmal grundlegend hinzuschauen. Denn ob Dein Pferd Hilfen fein umsetzt – oder ob es Dich „wie ein Büffel über den Hof zieht“ – hängt maßgeblich von Timing und Intensität ab. Und zwar bei jeder Hilfe, die Du gibst.

1. Hilfen sind Kommunikation - und Dein Pferd lernt immer

Hilfen sind die Art, wie wir mit Pferden kommunizieren. Und das Wichtigste dabei ist: Wir kommunizieren nicht nur „im Training“.

Dein Pferd lernt im kompletten Umgang mit Dir. Ab dem ersten Moment am Tag, wenn Du „Hallo“ sagst, bis zu dem Moment, wenn Du am Ende des Tages gehst. Es lernt beim Führen, beim Putzen, beim Warten, beim Anbinden, beim Longieren, beim Absteigen.

Die Frage ist also nicht, ob Dein Pferd lernt. Die Frage ist: Was lernt es gerade – und ist das das, was Du möchtest?

1.1 Aber wie lernt das Pferd denn überhaupt auf Hilfen zu reagieren?

Für das Lernen des Pferdes stehen zwei übergeordnete Lernformen zur Verfügung: das nicht‑assoziative Lernen und das assoziative Lernen. Diese beiden Formen lassen sich jeweils wieder in zwei weitere Lernformen unterteilen.

Das nicht‑assoziative Lernen passiert im Unterbewusstsein und dient dem Schutz des Organismus. Es dient als eine Art Filter und trennt die wichtigen von den unwichtigen Reizen. Es entscheidet hiermit unterbewusst, ob ein Reiz eine Gefahr oder einen Vorteil darstellt. Wenn nicht, wird der Reiz vom Pferd als unwichtig eingestuft und zukünftig nicht so ernst genommen.

Und das ist genau die Unterteilung des nicht-assoziativen Lernens: die Sensibilisierung und die Habituation (Gewöhnung).

Das assoziative Lernen findet im Bewusstsein des Pferdes statt. Es wird auch wieder in zwei Varianten geteilt: die klassische Konditionierung und die operante Konditionierung.

Klassische Konditionierung:Bei der klassischen Konditionierung wird dem Pferd die Bedeutung eines nicht natürlichen Reizes (z. B. ein Stimmkommando) erklärt, indem dieser neue Reiz kurz vor einem natürlichen Reiz (z. B. eine Peitschenhilfe) gegeben wird. Und dann verknüpft das Pferd mit der Zeit, dass es vorwärts gehen soll, wenn das Stimmkommando kommt.

Operante Konditionierung: Bei der operanten Konditionierung werden zufällig entstandene Reaktionen auf einen Reiz mit einer von vier verschiedenen Methoden belohnt oder bestraft und damit verstärkt. Das Pferd versucht positive Konsequenzen herbei zu führen und negative Konsequenzen zu vermeiden.

Lernformen Pferd

Für die operante Konditionierung gibt es vier verschiedene Varianten: negative Verstärkung, positive Verstärkung, negative Bestrafung und positive Bestrafung. Die Worte „negativ“ und „positiv“ werden hier nicht wertend verwendet, sondern eher wie in der Mathematik: Bei „negativ“ wird etwas weggenommen, bei „positiv“ wird etwas zugefügt. Bei der “normalen” Hilfengebung im Training wird meistens die negative Verstärkung verwendet. Du erzeugst mit Deiner Hilfe Druck z. B. bei einer Zügelhilfe und lässt den Druck wieder nach (nimmst den Druck weg -deshalb negativ- Minus) wenn die gewünschte Reaktion erreicht ist.

operante Konditionierung

1.2 Jetzt schauen wir uns drei Formen genauer an: Sensiblisierung, Habituation und negative Verstärkung 

In der Realität sind die verschiedenen Lernformen nicht so einfach voneinander zu trennen wie in der Theorie. Sie greifen relativ häufig ineinander über und werden gemeinsam verwendet. Zum Beispiel wird sehr häufig bei den Hilfen die negative Verstärkung der operanten Konditionierung verwendet und mit der Sensibilisierung und der Habituation(Gewöhnung) kombiniert. Also schauen wir uns die drei Varianten etwas genauer an:

Sensibilisierung:

Wenn das Pferd lernt, dass ein Reiz wichtig ist, wird es zukünftig immer sensibler und feiner auf den Reiz reagieren – das ist die Sensibilisierung. Das erreichst Du, wenn Du Deine Hilfe so stark gibst, dass das Pferd eine kleine Reaktion in einer bestimmten Zeit (in der Regel 3-5 Sekunden) in die gewünschte Richtung zeigt.

Habituation (Gewöhnung):

Wenn es lernt, dass der Reiz unwichtig ist, wird es zukünftig immer weniger auf diesen Reiz reagieren – das ist die Habituation (Gewöhnung). Das erreichst Du, wenn Du Deine Hilfe nur so gibst, dass eben keine Reaktion des Pferdes entsteht.

Ob ein Reiz, der vom Menschen gesetzt wird, also eine Sensibilisierung oder eine Habituation zur Folge hat hängt von der Reizintensität und dem Zeitfenster ab, in dem eine Reaktion des Pferdes stattfindet oder eben auch nicht. Wichtig ist hier, es gibt bei Sensibilisierung und Habituation jeweils positive und negative Beispiele, die dabei entstehen können.

Negative Verstärkung:

Bei der negativen Verstärkung wird ein Reiz in Form von Druck aufgebaut. Bei der gewünschten Reaktion des Pferdes auf diesen Reiz wird er sofort weggenommen. Zum Beispiel treibende Peitschenhilfe an der Longe. Du machst “Druck” mit der Peitsche durch wedeln oder berühren. Sobald Dein Pferd die gewünschte Reaktion ausführt, also hier sich flüssiger bewegt, hörst Du sofort auf mit der Peitsche zu wedeln und nimmst somit den Druck weg und bestätigst damit die richtige Reaktion.

Und genau hier werden die beiden Lernformen kombiniert, die Du später im Artikel noch ausführlicher brauchst:

Wenn ein Pferd auf einen Reiz/Druck reagiert und der Druck im richtigen Moment wieder weggenommen wird, ist das operante Konditionierung (negative Verstärkung). Je nachdem, wie deutlich und wie schnell die Reaktion ausfällt, kann daraus entweder eine Sensibilisierung (das Pferd reagiert immer feiner) oder eine Habituation (das Pferd stuft Signale als unrelevant ein und reagiert immer weniger) entstehen.

2. Welche Hilfen gibt es in der Boden- und Longenarbeit?

Wenn wir von „Hilfen“ sprechen, meinen wir nichts anderes als: Wie wir dem Pferd Informationen geben – damit es weiß, was es tun soll, wie es das tun soll und wann etwas richtig war. In der Bodenarbeit, der Longenarbeit und an der Doppellonge arbeiten wir dabei grob mit vier Hilfen, die sich in der Praxis fast immer überlappen:

2.1 Körpersprache

Körpersprache ist die natürlichste Hilfe, weil Pferde untereinander genau so kommunizieren: über Position im Raum, Ausrichtung, Energielevel/Körperspannung, Bewegungsenergie und Auftreten.

Und genau deshalb ist die Körpersprache im Umgang und dem Training mit dem Pferd immer relevant – auch, wenn gerade diese Hilfe häufig vergessen wird oder im Vergleich zu Zügelhilfe und Peitschenhilfe als nicht so wichtig gesehen wird. Wenn Du zum Beispiel eine Zügelhilfe oder Stimmhilfe gibst und mit Deinem Körper aber widersprüchliche Signale sendest (z. B. Hand bremst, Körper treibt), entsteht für das Pferd Stress und Unklarheit.

Speziell die Körperhilfe ist aus meiner Sicht eine der wichtigsten Hilfen im Umgang und im Training des Pferdes am Boden - deshalb werden wir uns diese als Beispiel für Timing und Intensität der Hilfen später im Artikel nochmal genauer anschauen.

2.2 Zügel-/Handhilfe (Strick, Kappzaum, Zügel, Longe/Doppellonge)

Über diese Hilfe gibst Du dem Pferd Rahmen, Richtung und Begrenzung. Gerade an der Doppellonge ist das eine zentrale Hilfe, weil sie oft der direkteste Kontakt ist.

Wichtig ist dabei weniger „viel machen“, sondern klar + dosiert + mit gutem Timing: annehmen/kurz begrenzen – und dann wieder nachgeben, sobald die richtige Reaktion kommt. Genau dieses Nachgeben macht die Hilfe für das Pferd verständlich und fein. Bei dieser Hilfe ist es wichtig, dass gerade bei festeren Pferden kein dauerhafter Zug entsteht, weil genau der wieder abstumpft und alles schlimmer macht.

2.3 Peitschenhilfe

Die Peitsche ist (richtig eingesetzt) kein „Antreiben um jeden Preis“, sondern eine Möglichkeit, punktuell und präzise Energie ins Pferd zu bringen – als Ergänzung zur Körpersprache.

Sie ist oft die logische Steigerung: Wenn Blick, Körperfront und Energie noch nicht reichen, kann die Peitsche das Signal verstärken – bis hin zur Berührung als klare Konsequenz. So hat das Pferd die Chance, schon auf die feineren Stufen zu reagieren.

2.4 Stimmhilfe

Die Stimme ist eine super Ergänzung, weil Du in der Bodenarbeit und der Longenarbeit keinen direkten Körperkontakt wie beim Reiten hast. Wichtig ist: die Stimmhifle sollte kurz und prägnant gegeben werden, nicht als „Dauerbeschallung“ (sonst stumpft das Pferd ab).

Je nach Tonlage und Energie kann die Stimme antreibend, bremsend, lobend oder ermahnend wirken. Und das Spannende ist: Die Stimme beeinflusst auch Deine eigene Körperspannung (kurze, hohe, knackige Laute bringen eher Energie rein – lange, tiefe Laute nehmen eher Energie raus).

Damit die Stimmhilfe für das Pferd wirklich Bedeutung bekommt, wird sie am Anfang am besten mit einer Körperhilfe/Peitschenhilfe gekoppelt, die das Pferd intuitiv versteht – so kann es die Stimme sauber lernen.

2.5 Warum diese Hilfen fast immer zusammenwirken:

In der Praxis bekommt das Pferd selten „eine“ Hilfe isoliert. Es nimmt gleichzeitig wahr:

  • wo Du bist und wie Du Dich drehst (Körpersprache),
  • ob Deine Energie hoch oder niedrig ist,
  • was Deine Hand macht (Rahmen/Begrenzung),
  • ob ein Stimm- oder Peitschensignal dazukommt.

Je besser diese Hilfen zusammenpassen, desto feiner kann das Pferd reagieren – und desto weniger musst Du insgesamt „machen“.

3. Grundprinzipien der Hilfengebung

Du kannst die Hilfe an sich noch so „richtig“ wählen: Wenn Timing und Intensität nicht passen, wird sie für Dein Pferd entweder zu schwach, zu stark oder einfach unklar. Und genau das entscheidet am Ende darüber, ob Dein Pferd Hilfen fein umsetzt – oder ob es irgendwann gar nicht mehr reagiert.

3.1 Intensität der Hilfe – so fein wie möglich, aber so stark wie nötig

Es ist wichtig, dass jede Hilfe immer in der feinstmöglichen Version angeboten wird. Das heißt aber nicht, dass Du bei einer Minihilfe bleibst, bis Dein Pferd irgendwann zufällig reagiert. Wenn Du eine Hilfe so gibst, dass keine Reaktion entsteht, dann lernt Dein Pferd im Zweifel nicht „fein“, sondern es lernt: Das hat keine Bedeutung. Und genau deshalb ist die Intensität so entscheidend: Die Hilfe muss so dosiert sein, dass Dein Pferd überhaupt die Möglichkeit hat, eine kleine Reaktion in die gewünschte Richtung zu zeigen.

3.2 Steigerung der Hilfe – fein anfangen, dann zügig steigern

Wenn keine gewünschte Reaktion kommt, dann ist es wichtig, dass die Hilfe steigerbar ist – und dass Du sie dann auch entsprechend schnell steigerst. Der Ablauf ist immer gleich:

  • Du beginnst fein
  • wenn keine Reaktion kommt, steigerst Du,
  • bis eine Reaktion kommt,
  • und dann passiert der entscheidende Punkt: Du lässt sofort wieder nach.

Und in jeder Stufe gilt: Du schaust, ob eine Reaktion in die gewünschte Richtung kommt. Wenn ja, gehst Du nicht noch eine Stufe höher, sondern Du gehst sofort wieder runter.

3.3 Nachgeben / bestätigen – der richtige Zeitpunkt entscheidet

Was bei allen Hilfen gleich ist: Der richtige Zeitpunkt für das Nachgeben des Drucks entscheidet maßgeblich darüber, wie gut das Pferd versteht und lernt. Viele denken beim Thema Timing zuerst an den Moment, in dem sie die Hilfe geben. Aber mindestens genauso wichtig ist der Moment, in dem Du die Hilfe wieder nachlässt. Denn genau dadurch bestätigst Du die Reaktion des Pferdes. Bei jeder Reaktion, die in die richtige Richtung geht, muss sofort der Druck nachgelassen werden.

Und genau das ist ein wichtiger Punkt, der dabei oft übersehen wird: Du bestätigst nicht nur das Endziel. Wichtig ist, dass eine Anforderung ans Pferd immer in kleinen Schritten aufgebaut wird. Du kannst nicht zu Beginn nur das Endziel bestätigen, wenn es dem Pferd in dem Moment vielleicht noch nicht möglich ist, dieses Ziel abzuliefern. Daher werden kleine Schritte in diese Richtung bestätigt – und mit der Zeit werden dann die Anforderungen gesteigert.

3.4 Die Frage zu Ende stellen – sonst lernt das Pferd, dass es nicht reagieren muss

Eine sehr wichtige Regel beim Einsatz von Hilfen ist, dass die gestellte Frage ans Pferd zu Ende gestellt werden sollte. Was häufig passiert:

  • Mensch stellt eine Frage ans Pferd – z. B. stehen bleiben, schneller gehen, Schulter nach außen verschieben…
  • Pferd reagiert nicht und macht einfach weiter mit dem was es tut
  • Der Mensch versucht ein bisschen zu korrigieren – aber es kommt nur wenig bis keine Reaktion.
  • Und dann gibt der Mensch auf, anstatt die Hilfe zu steigern.

Und genau dadurch, dass die Steigerung der Hilfe fehlt, gibt es keine Reaktion des Pferdes – und viel schlimmer noch, es stumpft ab. Deshalb ist es wichtig, immer die Frage bzw. Anforderung, die an das Pferd gestellt wurde, auch zu Ende zu fragen. Dh. Du musst die Hilfe steigern bis Du eine Reaktion in die gewünschte Richtung bekommst und nicht vorher aufgeben.

Beim Frage-zu-Ende-Stellen ist allerdings wichtig, dass Du überhaupt weißt, welche Reaktion Du vom Pferd möchtest – und dann auch noch genau zu sehen, in welchem Moment die erste kleine Reaktion in die richtige Richtung erfolgt, damit Du diese sofort bestätigen kannst.

3.5 Timing der Hilfen

Bei allen vorherigen Punkten ist schon immer klar geworden, dass der richtige Zeitpunkt wichtig ist. Aber das Timing ist so ein entscheidender Punkt, dass ich ihn hier nochmal extra aufführen möchte.

Das Timing ist entscheidend in dem Moment, in dem die Hilfe gegeben wird. Zum Beispiel bei abfußen von einem Bein, beim nach innen rein fallen auf die Schulter, beim Zügelhilfen geben… Zum Beispiel bei der Zügelhilfe zum durchparieren ist es am sinnvollsten diese genau in dem Moment zu geben, wenn das Pferd mit dem hinteren Bein in der vorderen Stützbeinphase ist. Hier kommt die Hilfe deutlich besser durch und erzeugt weniger Gegenwehr.

Genauso ist es wieder beim Nachgeben: Du musst genau in dem Moment nachgeben, wenn eine kleine Reaktion des Pferdes kommt und nicht erst fünf Schritte später.

Sehr oft wird die Hilfe zum falschen Zeitpunkt gegeben, viel zu langsam gesteigert und dann auch wieder viel zu spät der Druck rausgenommen. Auch hier ist das Problem die richtigen Momente zu erkennen und dann auch noch direkt zu reagieren.

Dafür ist es sehr wichtig immer wieder Blickschulung zu machen und sich auch darüber klar zu werden, was man genau vom Pferd möchte.

Wenn Du beim Lesen merkst: „Ich verpasse oft den richtigen Moment“ oder „ich bin unsicher “, dann ist das völlig normal.

Genau da hilft es, einmal Schritt für Schritt zu prüfen, was Dein Pferd schon fein versteht – und wo Euch vielleicht noch ein Baustein in der Vorbereitung fehlt.

4. Timing und Intensität am Beispiel der Körpersprache

Bis hierhin war immer wieder klar: Timing und Intensität entscheiden darüber, ob eine Hilfe für das Pferd verständlich ist – oder ob sie zu schwach, zu stark oder unklar wird.

Und jetzt schauen wir uns das Ganze an einem Thema genauer an, das mir in der Bodenarbeit, Longenarbeit und an der Doppellonge extrem wichtig ist: der Körpersprache.

Warum gerade Körpersprache? Weil Pferde untereinander genau so kommunizieren: über Mimik, Gestik, Körperhaltung, Bewegungsenergie und die im Raum eingenommene Position. Stimmhilfen, Longenimpulse und abstraktere Peitschensignale kann das Pferd lernen – die Körpersprache versteht es intuitiv.

Und genau deshalb ist bei der Körpersprache das Thema Timing und Intensität so wichtig: Wenn Du mit der Hand oder der Peitsche etwas anderes vermittelst als mit dem restlichen Körper, ist das für das Pferd Stress, weil es nicht weiß, welcher Hilfe es folgen soll. Wenn Dein Pferd also „komisch reagiert“, lohnt es sich fast immer, zuerst die eigene Körpersprache auf Übereinstimmung und Klarheit zu prüfen.

Damit das konkret wird, können wir die Körpersprache in mehrere Bereiche aufteilen:

  • Körperposition im Raum - die fünf Arbeitsbereiche, in denen Du Dich am Pferd positionieren kannst
  • Intention - die Überlegung, was Du in diesem Arbeitsbereich und in diesem Moment erreichen willst und welche Reaktionen Du auslösen möchtest
  • Sendungsrichtung der Körperenergie - die Richtung, in die Du mit Deinem Körper Energie hin sendest oder zu Dir ansaugst
  • Energielevel - Körperspannung und Schnelligkeit der Bewegung
  • Auftreten / mentale Energie - ruhig‑selbstsicher vs. unsicher oder hektisch

Der bekannteste Punkt zum Thema Körpersprache ist sicherlich die Körperposition im Raum (die Arbeitsbereiche). Die hat natürlich auch große Auswirkungen auf die Reaktion des Pferdes – aber in diesem Artikel möchte ich den Fokus vor allem auf den Teil der Körpersprache lenken, der beim Thema Timing und Intensität der Hilfen am häufigsten zu Herausforderungen führt: die Körperenergie.

Denn selbst wenn die Position im Raum „eigentlich stimmt“, entscheidet die Sendungsrichtung und das Energielevel in diesem Bereich, ob Dein Pferd wie gewünscht reagiert.

4.1 Was mit „Körperenergie“ eigentlich gemeint ist

Wenn ich von Körperenergie spreche, meine ich die Kombination aus der Sendungsrichtung Deiner Körperenergie und dem Energielevel, mit dem Du dem Pferd eine Hilfe gibst.

Mit der Sendungsrichtung der Körperenergie meine ich: Wohin geht Dein Blick, wohin bist Du gedreht, wohin geht Deine Energie? Du kannst Energie zum Pferd hin senden, um zum Beispiel einen Körperbereich weichen zu lassen. Du kannst – je nach Übung – auch Energie „ansaugen“, damit das Pferd auf Dich zukommt. Wichtig ist dabei: den kompletten Körper in die Richtung drehen, nicht nur hinschauen – sonst entstehen schnell widersprüchliche Signale. Mit der Sendungsrichtung Deiner Körperenergie bestimmst Du die Bewegungsrichtung Deines Pferdes. (z.B. Vor-und Hinterhandwendung an der Doppellonge, Schenkelweichen an der Doppellonge - Sendungsrichtung auf Vor-, Hinter- oder Mittelhand.

Und mit dem Energielevel meine ich: Wie viel Körperspannung und Schnelligkeit der Bewegung ist gerade in Deinem Körper? Das Pferd reagiert mit seiner Körperspannung auf Deine Körperspannung: Erhöhst Du Deine Spannung, wird das Pferd häufig schneller – nimmst Du Spannung raus, wird es häufig ruhiger. Auch hier hängt alles am Timing: Du willst so viel Energie geben, dass eine Reaktion kommt – und dann im richtigen Moment wieder runterfahren, damit das Pferd versteht, was richtig war.

4.2 Die Steigerung der Körperenergie

Aber wie kannst Du die Körperenergie/Körperspannung überhaupt verändern? Die eigene Körperspannung kannst Du z.B. über die Atmung beeinflussen: Beim Einatmen richtet sich das Brustbein auf und die Körperspannung erhöht sich – beim Ausatmen senkt sich das Brustbein und die Körperspannung verringert sich. Zusätzlich kannst Du über die Schnelligkeit und Intensität Deiner Bewegung regulieren: ein aufrechtes, energisches Marschieren (ggf. beschleunigt) bringt Energie rein, ein betont ruhiges Gehen nimmt Energie raus.

Körperenergie hoch- und runterfahren

Auch bei der Körperenergie als Hilfe ist es aber wichtig, dass Du immer die möglichst feinste Hilfe zuerst anbietest und dann entsprechend steigerst bis Du die gewünschte Reaktion von Deinem Pferd erhältst. So kannst Du die Hilfe der Körperenergie sinnvoll steigern:

  • Fokussierung mit dem Blick
  • Hindrehen der Körperfront zum Pferd
  • Steigern der Körperenergie
  • Wedeln mit Longe/Peitsche
  • Berührung mit der Longe oder Peitsche

In jeder Stufe gilt: Sobald eine Reaktion in die gewünschte Richtung kommt, muss sofort der Druck nachgelassen werden. Genau dieser Moment ist die Bestätigung – und damit der Moment, in dem das Pferd lernt, wie es reagieren soll.

Und genau hier wird auch klar, warum das in der Praxis mit den verschiedenen Pferd-Mensch-Kombinationen so unterschiedlich schwer ist: Je nach Mensch fehlt entweder die Möglichkeit, die Körperenergie schnell genug hochzufahren – oder sie fein genug zu starten und im richtigen Moment wieder runterzufahren. Genau das schauen wir uns jetzt in den Menschentypen an.

5. Menschentypen - verschiedene Grundkörperspannung

Genau wie Pferde unterschiedlich sind, sind auch Menschen unterschiedlich. Manche bringen von Natur aus eher wenig Körperspannung/Körperenergie mit, andere eher viel. Manche reagieren eher langsam, andere sehr schnell. Und das hat ganz direkte Auswirkungen darauf, wie Timing und Intensität Deiner Hilfen beim Pferd ankommen.

Wichtig ist mir dabei: Das Ziel ist nicht „mehr Energie“ oder „weniger Energie“. Das Ziel ist, dass Du die komplette Range Deiner Körperenergie zur Verfügung hast – und sie passend einsetzen kannst.

Das heißt ganz praktisch:

  • Du musst Deine Körperenergie hoch genug und schnell genug hochfahren können, damit überhaupt eine Reaktion möglich wird.
  • Und Du musst sie im richtigen Moment sofort wieder runterfahren können, damit Du die gewünschte Reaktion überhaupt bestätigen kannst.

Und genau hier liegt bei den meisten Pferd‑Mensch‑Kombinationen der Knackpunkt.

5.1 Typ: eher weniger Körperspannung

Wenn Du grundsätzlich eher wenig Körperspannung hast, startest Du meistens sehr fein – und das ist erstmal eine schöne Voraussetzung. Das Problem entsteht dann, wenn Dein Pferd Deine feine Hilfe nicht ernst nimmt oder von sich aus eher „zäh“ ist. Dann fehlt häufig die Fähigkeit, die Körperenergie schnell genug hochzufahren – und manchmal auch überhaupt hoch genug, damit eine klare Reaktion kommt.

Und dann passiert oft etwas sehr Typisches (und ich sehe das wirklich häufig): Manche Menschen kommen nur dann an die nötige Körperspannung, wenn sie wütend werden oder sich innerlich „hochfahren“. In dem Moment reagiert das Pferd dann vielleicht endlich – aber genau dann kommt die zweite Schwierigkeit: Wenn Du emotional oben bist, schaffst Du es oft nicht mehr, die Energie im richtigen Moment wieder runterzufahren. Und dann verpasst Du das Nachgeben des Drucks – und bestätigst die richtige Reaktion nicht sauber.

5.2 Typ: eher viel Körperspannung

Wenn Du grundsätzlich eher viel Körperspannung und Energie mitbringst, ist das Gegenteil oft das Problem: Du schaffst es nicht, zuerst eine feine Hilfe anzubieten. Du bist schnell „auf Sendung“ – manchmal schon, bevor Dein Pferd überhaupt die Chance hatte, auf eine feine Stufe zu reagieren.

Damit hat Dein Pferd langfristig keine Möglichkeit, feiner zu werden. Es lernt: „Es kommt sowieso immer gleich viel Wumms.“ Und je nach Pferdetyp passiert dann häufig eins von zwei Dingen: Entweder wird das Pferd hektisch, überdreht, manchmal auch aggressiv – oder es resigniert und zieht sich in sich selbst zurück.

5.3 Reaktionszeit: wenn Du zu langsam oder zu schnell reagierst

Neben der Grundkörperspannung gibt es noch einen zweiten Faktor, der im Alltag massiv reinspielt: Deine Reaktionszeit.

Wenn Du eher zu langsam reagierst, ist das Timing oft nicht richtig. Dann kommt die Bestätigung zu spät – und Dein Pferd lernt schlechter.

Wenn Du eher zu schnell reagierst, nimmst Du Reaktionen manchmal vorweg, verhinderst sie oder überforderst Dein Pferd. Und dann wird es hektisch – obwohl Du eigentlich „nur“ schneller sein wolltest.

Genau diese Kombination aus Grundkörperspannung (eher wenig / eher viel) und Reaktionszeit (eher langsam / eher schnell) ist der Grund, warum zwei Menschen mit dem „gleichen Pferd“ das Gefühl haben können, sie hätten komplett unterschiedliche Probleme oder es klappt bei dem Einen und bei dem Anderen eben nicht.

Ich persönlich bin eher der Typ mit mehr Körperenergie. Ich habe wenig Probleme, „Pferde in Gang zu bekommen“. Aber als ich bei einer Ausbildung begonnen habe, mich bewusst mit der Körperenergie zu beschäftigen und versucht habe, meine Körperenergie herunterzufahren, hat meine damalige Ausbilderin die anderen Teilnehmerinnen gefragt: „Findet ihr, sie sieht aus, als würde sie ihre Körperenergie herunterfahren – oder sieht sie eher aus wie ein Raubtier kurz vor dem Angriff?“

Mein Versuch, meine Körperenergie herunterzufahren, hatte auf das Pferd genau diese Auswirkung: Es hat natürlich nicht gebremst, sondern immer mehr Gas gegeben. Deshalb weiß ich sehr gut, wie schwierig es ist, die eigene Range der Körperenergie in alle Richtungen zu erweitern. Hier ist es häufig sehr sinnvoll, das wirklich mit einem guten Trainer zu erarbeiten und sich viel Feedback auf die eigene Körpersprache einzuholen.

6. Pferdetypen: Warum manche Pferde mehr Energie brauchen als andere

Aber ein weiterer Faktor ist auch, dass unterschiedliche Pferde eine unterschiedliche Intensität der Hilfen im Allgemeinen – und natürlich auch der Körperenergie – benötigen.

Ich habe heute vier (früher neun) Pferde: gleiche Größe, gleiche Rasse, gleiche Haltung, gleiches Training – und trotzdem brauche ich bei allen eine unterschiedliche Intensität der Hilfen. Der eine ist eher die Marke „Büffel“, ein anderer extrem sensibel, einer ein Streber und der letzte ein ziemliches Schlitzohr, das genau auslotet, bei wem es was tun muss.

vier verschiedene Pferdetypen

Das heißt: Die Stärke und Ausprägung der Hilfe muss auf die Situation und auf das Pferd angepasst sein. Und gleichzeitig bleibt bei allen gleich: Gutes Timing und eine passende Intensität entscheiden maßgeblich darüber, wie gut das Pferd versteht und lernt. Wichtig ist nur: Je nach Pferd brauchst Du unterschiedlich viel Intensität – trotz gleichen Trainings.

Und was mir hier auch noch sehr wichtig ist: Sei immer vorsichtig mit der Beurteilung anderer Pferde – und mit dem Urteil über die „Erziehung“ eines Pferdes. Gerade, wenn man selbst ein sehr feines Pferd hat, fällt es oft schwer zu verstehen, warum jemand anderes so viel und so starke Hilfen einsetzen muss. Aber dieses Pferd könnte einfach etwas zäher sein als ein anderes.

Jetzt kommt der wichtige Zusatz: Ja – Pferde können mit gutem Timing und guter Intensität sensibler gemacht werden. Trotzdem gibt es Pferde, bei denen man immer wieder deutlichere Hilfen braucht als bei anderen. Und natürlich kann „büffeliges“ Verhalten auch wirklich an Erziehung oder an schlechtem Timing und schlechter Intensität liegen. Es geht mir hier nur darum, Dich zu sensibilisieren, damit Du nicht vorschnell urteilst.

Vergleiche am besten immer die Reaktion Deines Pferdes heute mit zum Beispiel vor zwei Monaten – und nicht mit anderen Pferden.

7. Beispiele aus dem Alltag

Jetzt kommt der Teil, wo man das Ganze im echten Leben wiedererkennt. Und vielleicht erkennst Du Dich (oder Dein Pferd) in manchen Situationen sofort wieder – nicht, weil Du „alles falsch“ machst, sondern weil genau diese kleinen Timing‑ und Intensitätsfehler extrem häufig sind.

Ein ganz typischer Ablauf bei zu wenig Steigerung sieht so aus: Du stellst Deinem Pferd eine Frage (zum Beispiel stehen bleiben, schneller gehen oder die Schulter nach außen nehmen). Das Pferd reagiert nicht und macht einfach weiter. Du korrigierst ein bisschen, aber nicht bis zu einer echten Reaktion – und irgendwann gibst Du auf, statt die Hilfe so zu steigern, dass tatsächlich eine Antwort kommt. Das Ergebnis ist, dass Dein Pferd lernt: „Ich muss darauf nicht reagieren.“ Die Hilfe wird zum Hintergrundrauschen, und das Pferd stumpft ab (Habituation). Und oft kommt noch ein zweiter Punkt dazu: Selbst wenn irgendwann eine kleine Reaktion in die richtige Richtung kommt, wird sie nicht im richtigen Moment bestätigt, weil der Release zu spät passiert.

7.1 Beispiel 1 - Stehenbleiben beim Führen

Du willst auf dem Hof stehen bleiben, um kurz zu reden. Das Pferd bleibt nicht stehen – oder hält kurz an und geht nach zwei Sekunden wieder los. Du korrigierst mehrfach (Strick, Brust, Körperkontakt) – aber ohne klare Reaktion. Irgendwann lässt Du es wieder in Ruhe, weil es ja eh nichts bringt. Häufig höre ich auch “dem Pferd ist das zu langsweilig” hier zu stehen. Der Trainingseffekt ist: Das Pferd lernt, dass „Stehenbleiben“ nicht verbindlich ist.

Die Lösung ist: nicht dauerhaft irgendwie dran rumziehen, sondern immer wieder konsequent korrigieren. Das heißt die Hilfe zum wieder zurück auf den ursprünglichen Platz zu gehen so deutlich zu geben, dass das Pferd reagiert und dann die Energie wieder runterzufahren. Ganz wichtig: Wenn es dann wieder ansetzt - wieder korrigieren - immer wieder. Dabei kannst Du Dich ruhig mit der Person weiter unterhalten und nebenbei Dein Pferd immer wieder auf diese Position schicken. Korrigiere hier auch jeden Schritt.

7.2 Beispiel 2 - triebig beim Longieren

Du bekommst Dein Pferd beim Longieren nur sehr schwer vorwärts. Du schnalzt dauernd oder wedelst dauernd in gleichbleibender Intensität. Es gibt keine klare Reaktion, und entweder gibst Du irgendwann auf – oder Du machst einfach weiter, ohne dass wirklich etwas passiert. Manchmal reagiert das Pferd irgendwann sogar, aber der Druck wird nicht im richtigen Moment weggenommen (Wedeln geht weiter, die Hilfe bleibt „an“). Auch hier ist der Trainingseffekt: Die Hilfen werden zur Dauerbeschallung im Hintergrund, das Pferd stumpft ab, und Du brauchst immer mehr Hilfe.

Richtig wäre: die Hilfe so steigern, dass eine Reaktion entsteht – und dann sofortige Druckreduzierung bei der richtigen Antwort. Wichtig hierbei ist natürlich, dass Du bei einem langsamen Pferd daran denken solltest, dass ihm womöglich etwas weg tun könnte oder es einfach diese Geschwindigkeit zum Beispiel aus Verspannung nicht ausführen kann. Und trotzdem sollte die Hilfe nicht als Dauerbeschallung eingesetzt werden.

7.3 Beispiel 3 - auf innere Schulter kippen

Du longierst eine gebogene Linie auf der das Pferd sich möglichst schön biegen soll und das Pferd kippt dabei auf die innere Schulter. Du wedelst ein bisschen mit Longe oder Peitsche – aber das Pferd zeigt keine Reaktion, es kommt Dir vielleicht sogar noch immer näher. Du hörst auf mit Deiner Hilfe, weil das Pferd ja nicht reagiert oder gehst ihm sogar noch rückwärts aus dem Weg. Das Pferd lernt: „Das Wedeln der Peitsche hat keine Konsequenz.“

Richtig wäre, die Hilfe so lange zu steigern, bis eine kleine Reaktion kommt (zum Beispiel minimal die Schulter nach außen zu schieben) – und genau diesen Moment sofort zu bestätigen. Und auch hier gilt wieder: Wenn das Endziel noch nicht möglich ist, bestätigst Du die kleinen Schritte in die richtige Richtung.

7.4 Beispiel 4 - Eskalation an der Longe

Und dann gibt es noch das Gegenstück zu den Beispielen gerade eben bei zu viel Körperenergie / ein zu heftiger Einstieg: In der Praxis sieht das oft so aus, dass ein Pferd an der Longe schnell eskaliert, sich losreißt, „ums Leben rennt“ oder gar nicht mehr zur Ruhe kommt. Hier werden Hilfen häufig zu stark gegeben, nicht sauber runtergefahren und nicht fein begonnen – und dann wird es nicht besser, sondern es wird mehr Kampf.

Richtig wäre: Aktiv darauf achten eine möglichst feine Hilfe anzubieten und sehr darauf darauf zu achten ruhig zu bleiben. Häufig hilft hier auch mal, während dem Arbeiten mit dem Pferd an andere Dinge zu denken (die natürlich nicht stressen sollten, dh an angenehme Dinge).

8. Typische Stolpersteine

Wenn Menschen anfangen, mit einem Trainer an dem Thema Körperenergie zu arbeiten, tauchen häufig verschiedene Schwierigkeiten auf.

8.1 Feine Hilfen werden übersehen

Viele haben zum Beispiel im Training gezeigt bekommen, wie die Körperenergie hochgefahren werden soll. Der Trainer oder die Trainerin hat es vorgemacht. Das Pferd hat erst nicht reagiert, daher wurde die Hilfe gesteigert bis zum “Wedeln” mit Longe oder Peitsche und bei gewünschter Reaktion wieder heruntergefahren. Der Trainer oder die Trainerin hatte ein sehr gutes Timing und hat die Hilfe schnell gesteigert. Der Schüler hat aber vielleicht nur gesehen, dass derjenige vor dem Pferd herumgewedelt hat und es reagiert hat und wedelt ab da nur noch wild vor dem Pferd herum. Das ist natürlich auch nicht Sinn der Sache, da dabei dann die feinste Hilfe nicht mehr angeboten wird.

8.2 Körperenergie nur über Emotionen

Manche Menschen können die Körperenergie nur über Emotion nach oben steigern. Sie versuchen lange die Hilfe stark genug zu geben, aber das Pferd reagiert nicht. Irgendwann werden Sie dann wütend und das Pferd reagiert. Warum? Weil in diesem Moment dann die Körperspannung hoch genug ist, um die Reaktion hervor zu rufen. Das Problem ist dabei aber zum Einen, dass diese Erhöhung der Energie nicht einfach so abgerufen werden kann und zum Anderen, dass es dann häufig nicht funktioniert, die Reaktion wieder mit herunterfahren der Energie zu bestätigen, da einfach noch die Wut da ist.

8.3 Der Gedanke "Ich will nicht grob sein"

Viele haben Angst, konsequent zu sein, weil sie nicht dominant wirken wollen oder weil sie dem Pferd nicht weh tun möchten. Aus diesem Grund schaffen sie es nur sehr schwer die Energie hochzufahren und konsequent und klar zu sein. Wichtig hierbei ist aber - Klarheit ist nicht Dominanz – und Konsequenz ist nicht Gewalt. Wenn Du sauber arbeitest, startest Du fein, steigerst nur so weit wie nötig und lässt sofort nach, sobald eine Reaktion in die richtige Richtung kommt. Genau dadurch wird die Arbeit mit dem Pferd viel schneller fein und damit für das Pferd auf längerfristig gesehen viel angenehmer zu arbeiten. Und viele Pferde sind tatsächlich dankbar, wenn der Mensch Führung übernimmt: ruhig, klar und verlässlich.

8.4 Die Bewegung alleine reicht nicht - die innere Haltung muss dazu passen

Gerade Menschen mit hoher Grundkörperspannung versuchen manchmal, die Körperenergie zu senken, indem sie mechanisch „kleiner“ werden (z. B. Brustbein nach hinten/unten ziehen, langsamer gehen, weniger Aktion machen). Das ist ja auch grundsätzlich richtig - aber, wenn die innere Haltung nicht dazu passt erkennt das Pferd das. Für das Pferd wirkt das oft nicht echt, weil die wirkliche Spannung nicht runterfährt: Atmung bleibt oben, Blick bleibt fest, der Muskeltonus bleibt in Spannung. Genau das war auch in meinem Beispiel von oben so: Ich habe zwar versucht, runterzufahren, aber das Pferd hat es nicht als echte Entspannung wahrgenommen – und ist deshalb nicht langsamer geworden, sondern eher noch schneller.

Das Pferd reagiert nicht auf eine „Pose“, sondern auf das Gesamtbild aus Atmung, Blick, Muskeltonus und innerem Zustand. Für das Pferd bleibt die Energie dann trotzdem „an“ – und es kommt nicht zur Ruhe bzw. wird eher noch schneller.

Beim Typ mit niedrigem Tonus kann es umgekehrt genauso passieren, dass die Person zwar „mechanisch“ etwas macht (z. B. Brustbein aufrichten, schneller werden), innerlich aber nicht wirklich hochfährt – und das Pferd es deshalb nicht ernst nimmt.

9. Fazit

Timing und Intensität sind nicht einfach „ein Thema unter vielen“ – sie sind die Grundlage dafür, ob Dein Pferd Dich versteht und ob Ihr fein miteinander kommunizieren könnt.

Gerade bei der Körpersprache wird schnell klar: Es geht nicht darum, mehr oder weniger Energie zu haben. Es geht darum, die komplette Range emotionslos ansteuern zu können – Energie sauber hochzufahren, und sie im richtigen Moment wirklich wieder runterzufahren.

Und genau das ist für viele Menschen die große Herausforderung: Oft können wir nur eine Seite richtig gut. Entweder wir kommen nicht schnell genug hoch (und geben dann irgendwann auf oder werden emotional) – oder wir sind schnell oben, bekommen die Spannung aber nicht mehr echt raus. Diese andere Seite der Range auszubauen braucht Übung, Wiederholung und ehrliches Feedback, weil Pferde nicht auf eine „Pose“ reagieren, sondern darauf, ob die Veränderung wirklich in Atmung, Blick, Muskeltonus und innerem Zustand ankommt.

Wenn Du Dir aus diesem Artikel einen Satz merken willst, dann diesen: Fein starten, zügig steigern bis eine Reaktion kommt – und dann im exakt richtigen Moment wieder nachgeben. Genau dadurch wird Dein Pferd sensibler, statt stumpfer – und genau dadurch brauchst Du langfristig weniger Hilfe und kannst feiner mit Deinem Pferd arbeiten. 

Wenn Du merkst, dass genau diese Themen (Timing, Intensität und Steuerung der Körperenergie) bei Euch der Knackpunkt sind: Im Onlineprogramm “Vom Longensalat zur Doppellonge” werden diese Themen sehr ausführlich besprochen. Komm gerne einfach unverbindlich auf die Warteliste.

Hi, ich bin Sabrina

Sabrina_Moeller

Ich helfe Dir mit tensegralem Training an der Longe und der Doppellonge, Dein Pferd gesundheitsfördernd und fein zu trainieren.

Du kannst in Form von Onlineangeboten, einer Trainerausbildung, Kursen und Unterricht mit mir zusammen arbeiten oder Dein Pferd zum Reha- und Aufbautraining zu mir bringen.

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